Welche Regeln gelten?
Maßgeblich ist das Übereinkommen zur Vereinheitlichung bestimmter Vorschriften über die Beförderung im internationalen Luftverkehr von 1999, kurz Montrealer Übereinkommen. Die Europäische Union hat die Haftung von Luftfahrtunternehmen für Reisende und ihr Gepäck durch die Verordnung (EG) Nr. 2027/97 geregelt und damit an dieses Übereinkommen gebunden. Die Fluggesellschaft haftet für Zerstörung, Verlust, Beschädigung und Verspätung von aufgegebenem Gepäck, solange es sich in ihrer Obhut befand – ohne dass Sie ihr ein Verschulden nachweisen müssten.
Die drei Fälle und ihre Fristen
| Fall | Frist für die Anzeige | Was Sie verlangen können |
|---|---|---|
| Beschädigung | unverzüglich nach Entdeckung, bei aufgegebenem Gepäck jedenfalls binnen 7 Tagen nach Annahme | Reparatur oder Wertersatz, bei Zerstörung Ersatz des Zeitwerts |
| Verspätung | binnen 21 Tagen ab Zurverfügungstellung des Gepäcks | Erstattung notwendiger Aufwendungen für die Zeit ohne Gepäck |
| Verlust | nach 21 Tagen ohne Eintreffen gelten die Rechte aus dem Beförderungsvertrag; bei anerkanntem Verlust sofort | Ersatz des Zeitwerts des Inhalts und des Gepäckstücks |
Art. 17 Abs. 2 und 3, Art. 19 und Art. 31 Abs. 2 des Montrealer Übereinkommens. Jede Beanstandung muss schriftlich erklärt und innerhalb der Frist übergeben oder abgesandt werden.
Wichtig ist der Fristbeginn: Bei der Beschädigung läuft die Frist ab der Annahme des Gepäcks, bei der Verspätung ab dem Zeitpunkt, an dem es Ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Nehmen Sie ein Gepäckstück vorbehaltlos an, begründet das zunächst die Vermutung, dass es unbeschädigt abgeliefert wurde – diese Vermutung ist widerlegbar, aber sie macht die Sache schwerer. Wer den Schaden erst zu Hause entdeckt, sollte ihn deshalb sofort anzeigen und die Sieben-Tage-Frist im Blick behalten.
Wie hoch ist die Haftung?
Der Höchstbetrag ist nicht in Euro festgelegt, sondern in Sonderziehungsrechten (SZR) – einer Rechnungseinheit des Internationalen Währungsfonds. Der Vertragstext nennt 1.000 SZR; das Übereinkommen sieht jedoch eine Überprüfung der Haftungshöchstbeträge alle fünf Jahre vor.
| Gültig ab | Haftungshöchstbetrag für Reisegepäck | Näherungswert |
|---|---|---|
| 28. Dezember 2024 | 1.519 SZR je Reisenden | rund 1.800 € |
| vorher (seit 2019) | 1.288 SZR je Reisenden | rund 1.500 € |
Art. 22 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 24 des Montrealer Übereinkommens. Die Euro-Angaben sind Näherungswerte und hängen vom Tageskurs des Sonderziehungsrechts ab.
Die Grenze lässt sich anheben: Wenn Sie bei der Übergabe des Gepäcks das Interesse an der Ablieferung betragsmäßig angeben und den verlangten Zuschlag zahlen, haftet die Fluggesellschaft bis zu diesem Betrag. Das muss vorher geschehen, spätestens bei der Abfertigung – nachträglich ist es nicht möglich. Für hochwertige Gegenstände ist das der vorgesehene Weg; alternativ trägt eine private Versicherung das Risiko.
Wann die Fluggesellschaft nicht haftet
- Eigenart oder innewohnender Mangel des Gepäcks: Ein Koffer, der wegen eines bereits vorhandenen Defekts aufbricht, oder Inhalt, der von sich aus verdirbt – insoweit besteht keine Haftung.
- Handgepäck ohne Verschulden: Für nicht aufgegebenes Gepäck haftet die Fluggesellschaft nur, wenn ihr oder ihren Leuten ein Verschulden nachgewiesen wird.
- Verspätungsschäden bei nachgewiesener Sorgfalt: Bei Verspätung entfällt die Haftung, wenn die Fluggesellschaft nachweist, dass sie und ihre Leute alle zumutbaren Maßnahmen zur Schadensvermeidung getroffen haben oder solche Maßnahmen nicht möglich waren.
- Versäumte Anzeigefrist: Wird die Frist versäumt, ist jede Klage gegen die Fluggesellschaft ausgeschlossen – es sei denn, sie hat arglistig gehandelt.
- Abgelaufene Klagefrist: Nach zwei Jahren ist der Anspruch nicht mehr gerichtlich durchsetzbar.
Die Klagefrist: zwei Jahre, nicht drei
Eine Klage auf Schadenersatz kann nur binnen einer Ausschlussfrist von zwei Jahren erhoben werden. Sie beginnt mit dem Tag, an dem das Flugzeug am Bestimmungsort angekommen ist oder hätte ankommen sollen oder an dem die Beförderung abgebrochen wurde. Das ist etwas anderes als eine Verjährungsfrist: Eine Ausschlussfrist lässt sich nicht durch Verhandlungen hemmen. Verwechseln Sie diese Frist nicht mit den drei Jahren, die in Deutschland für Ansprüche aus der EU-Fluggastrechteverordnung gelten.
Welche Nachweise Sie brauchen
- Schadensmeldung am Flughafen Lassen Sie den Vorfall noch im Ankunftsbereich am Gepäckschalter aufnehmen und nehmen Sie eine Kopie mit Vorgangsnummer mit. In der Praxis heißt dieses Formular Property Irregularity Report. Es ersetzt die schriftliche Anzeige nicht zwangsläufig – setzen Sie zusätzlich ein eigenes Schreiben an die Fluggesellschaft auf, damit die Frist nachweisbar gewahrt ist.
- Gepäckschein und Bordkarte Der Gepäckaufkleber mit der Nummer belegt die Aufgabe; die Bordkarte belegt die Beförderung.
- Fotos vom Schaden Gepäckstück von allen Seiten, beschädigter Inhalt einzeln, möglichst mit Zeitstempel. Vor jeder Reparatur.
- Kaufbelege oder Wertnachweise des Inhalts Ersetzt wird der Zeitwert. Ohne Nachweise über Art und Alter des Inhalts bleibt nur eine Schätzung – und die fällt niedrig aus.
- Belege der Ersatzbeschaffung bei Verspätung Kleidung, Hygieneartikel, Ladekabel – notwendige Aufwendungen für die Zeit ohne Gepäck, einzeln quittiert und der Situation angemessen.
- Datum der Aushändigung oder des Fristablaufs Bei Verspätung beginnt die 21-Tage-Frist mit der Zurverfügungstellung; bei Verlust ist der 21. Tag nach dem geplanten Eintreffen maßgeblich.
Nächste Schritte
- Noch am Flughafen melden
Verlassen Sie den Ankunftsbereich nicht ohne aufgenommene Schadensmeldung und Vorgangsnummer. Das ist der Schritt, der später am meisten wert ist.
- Schriftlich anzeigen – innerhalb der Frist
Sieben Tage bei Beschädigung, 21 Tage bei Verspätung, jeweils schriftlich an die Fluggesellschaft, mit Vorgangsnummer, Flugnummer, Datum und Schadensbeschreibung. Versandnachweis aufbewahren.
- Schaden belegen, bevor Sie etwas verändern
Fotos und Belege sammeln, nichts reparieren oder entsorgen lassen, solange die Sache offen ist.
- Notwendige Ersatzkäufe angemessen halten
Erstattet werden notwendige Aufwendungen für die Zeit ohne Gepäck – einzeln quittiert. Davon zu trennen sind die Betreuungsleistungen, die bei einer Flugverspätung anfallen.
- Bei Ablehnung eskalieren
Die Schlichtungsstelle Reise & Verkehr (söp) ist für Reisende kostenlos zuständig. Die Zwei-Jahres-Ausschlussfrist läuft dabei weiter – behalten Sie sie im Auge.
Häufige Fragen zu Gepäckschäden
Ab wann gilt mein Koffer als verloren?
Ich habe den Schaden erst zu Hause bemerkt. Ist es zu spät?
Bekomme ich den Neupreis meiner Sachen ersetzt?
Mein Gepäck kam drei Tage später. Was kann ich abrechnen?
Gilt bei Gepäckschäden auch die Ausgleichszahlung von 250 bis 600 Euro?
Wen muss ich in Anspruch nehmen – Fluggesellschaft oder Flughafen?
Quellen
- Montrealer Übereinkommen von 1999 – amtlicher deutscher Wortlaut Haftung für Reisegepäck und Verlustvermutung nach 21 Tagen (Art. 17 Abs. 2 und 3), Verspätungshaftung und Entlastung (Art. 19), Haftungshöchstbetrag und betragsmäßige Interessenangabe (Art. 22 Abs. 2), turnusmäßige Überprüfung der Höchstbeträge (Art. 24), fristgerechte Schadensanzeige und Ausschluss bei Fristversäumnis (Art. 31), zweijährige Ausschlussfrist für die Klage (Art. 35).
- Erhöhung der Haftungshöchstgrenzen im Luftverkehr zum 28. Dezember 2024 Anhebung des Haftungshöchstbetrags für Reisegepäck von 1.288 auf 1.519 Sonderziehungsrechte mit Wirkung zum 28.12.2024.
- Fluggastrechte in der EU: Angaben zum Gepäck Amtliche Darstellung der Anzeigefristen von sieben und 21 Tagen, der Haftung für Handgepäck und der Möglichkeit, gegen Gebühr eine höhere Haftungsgrenze zu vereinbaren. Der dort genannte Eurobetrag von rund 1 300 EUR entspricht dem bis 27.12.2024 geltenden Stand.
- Schlichtungsstelle Reise & Verkehr (söp) Für Reisende kostenlose Schlichtung, auch bei Gepäckschäden, wenn die Fluggesellschaft ablehnt oder nicht reagiert.
